Mehr Mittel für einen wirksamen und zeitgemässen Kindesschutz

Gewalt an Kindern und Jugendlichen in der Schweiz: dringender Handlungsbedarf

Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist in der Schweiz nach wie vor ein eklatantes Problem, in Form physischer, psychischer und sexueller Gewalt, Vernachlässigung und durch Partnerschaftsgewalt. (1)
Ein Problem mit fatalen Konsequenzen für die Entwicklung von betroffenen Kindern, die hier aufwachsen.

Gewalt und Übergriffe geschehen in der Familie, in Freizeitkontexten – und zunehmend im digitalen Raum. Viele Betroffene sind später in ihrer Lebensgestaltung eingeschränkt, entwickeln psychische Probleme oder geben erlernte Verhaltensmuster weiter.

Das Schutz- und Hilfesystem für Betroffene ist in der Schweiz vielfältig, aber nicht überall gleich effektiv. Kinder erhalten nicht die gleiche Unterstützung, je nachdem wo sie leben oder wie alt sie sind. (2)

Es besteht dringender Handlungsbedarf, Lücken im Unterstützungssystem zu schliessen. Die Corona-Krise verschärft die Situation zusätzlich. Die Evidenz zu Gewalt-Risikofaktoren und zu den Auswirkungen von Krisen macht klar: Durch die Corona-Krise sind v. a. sozial benachteiligte Kinder noch mehr Bedrohungen ausgeliefert und haben gleichzeitig weniger Zugang zu Schutz und Unterstützung.

Schutz von Kindern im digitalen Raum: Lücken jetzt schliessen

Die Nutzung digitaler Medien ist bei Kindern und Jugendlichen heute selbstverständlich. Sie bietet Chancen, aber birgt auch Risiken. Die Corona-Krise akzentuiert den Handlungsbedarf, da die Pandemie in allen Lebensbereichen und v. a. bei Kindern und Jugendlichen erwiesenermassen für einen weiteren Digitalisierungsschub gesorgt hat. (4)

Die noch stärkere Verschiebung von Bildungs- und Freizeitaktivitäten ins Netz erhöht dort das Risiko einer Exposition für nicht kindgerechte Inhalte und Missbrauch. (5) Darum müssen Präventions-, Beratungs- und Unterstützungsangebote noch viel stärker dort präsent sein, wo sich Kinder, Jugendliche und die Eltern häufig aufhalten: Im Internet, auf digitalen Kanälen, in den sozialen Medien.

Während des Lockdowns waren Unterstützungs- und Interventionsmöglichkeiten eingeschränkt, gleichzeitig stiegen die Anfragen auf Websites und online-Kanälen von Organisationen, die niederschwellige Informations- und Unterstützungsangebote bieten, sehr stark.

Prävention und Früherkennung im Kindesschutz: eine wichtige und lohnende Investition

Private Organisationen erfüllen einen grossen Teil der – eigentlich staatlichen – Aufgabe, betroffene Kinder zu unterstützen. Über das Instrument der Finanzhilfen werden verschiedene Organisationen vom Bund im Bereich Kindesschutz/Kinderrechte unterstützt. Die dafür heute zur Verfügung stehenden und im Voranschlag 2021 vorgesehen Mittel reichen weder aus, um den Handlungsbedarf im Bereich Kindesschutz und Kinderrechte zu decken, noch um den dringend notwendigen professionellen Digitalisierungs-Shift zu bewältigen.

Der Staat ist verpflichtet, das Recht des Kindes auf körperliche und seelische Unversehrtheit zu schützen. Massnahmen zur Prävention, Früherkennung und Hilfe bei allen Formen von Gewalt an Kindern liegen im Interesse der Kinder und im Interesse des Staates. Sie sind bei weitem weniger kostspielig als spätere Schutzmassnahmen aufgrund der Folgen von Gewalt und Missbrauch.

Es braucht darum jetzt Investitionen, damit Unterstützungsangebote unter den jetzigen, schwierigen Bedingungen nachhaltig ausgebaut und aufrechterhalten werden.

Konkret besteht folgender Handlungs- und Ressourcenbedarf:

  • Es braucht eine nachhaltige Stärkung und digitale Anpassung der Beratungs- und Unterstützungsangebote sowie die zielgerichtete Schulung von digitalen Beratungs- und Kommunikationsskills. Damit niederschwellige Angebote besser dort ankommen, wo sie heute noch nicht genügend ausgebaut sind, wie die aktuelle Situation zeigt: online, im digitalen Raum.
  • Kinder und Jugendliche kommen im digitalen Raum zwangsläufig mit Risiken (Gewaltinhalte, Grooming, finanzielle Risiken etc.) in Kontakt. Das gehört für Kinder und Jugendliche leider zur Internetnutzung dazu. Es braucht eine starke Sensibilisierung der Kinder und Jugendlichen, damit sie wissen, wie sie sich online sicher und verantwortungsvoll bewegen können.  
  • Es braucht ebenso die Förderung von Programmen, Kampagnen und Modellprojekten, um die Kinderrechte zu stärken und Kinder zu befähigen, sich selbst zu schützen.
  • Es braucht mehr und umfassendere Schulungen von Fachpersonen, die mit Kindern und Familien in Kontakt kommen, für die Prävention und Früherkennung von Gewalt an Kindern.
  • Es braucht ein umfassendes Monitoring dazu, wie die verschiedenen Bereiche des Kindesschutzsystems zusammenspielen, welche Formen von Kindeswohlgefährdung entdeckt werden, wo es Versorgungslücken und besonders gefährdete Kinder gibt, die heute nicht genügend erreicht werden.
  • Versorgungslücken müssen dringend geschlossen werden. Die Entwicklung kleinräumiger Lösungen macht wenig Sinn, wenn es um die digitale Transformation und die bessere Erreichbarkeit der Zielgruppen geht. Massnahmen national zu entwickeln und zu vernetzen, ist effektiver und effizienter, verhindert die Ausbreitung kantonaler Unterschiede und stärkt die schweizweite Chancengleichheit im Bereich Kindesschutz und Kinderrechte.

Massnahmen in diesen Bereichen zu unterstützen, ist Sinn und Zweck der Finanzhilfen im Bereich Kindesschutz/Kinderrechte als effektives und etabliertes Unterstützungsinstrument des Bundes. Es braucht dafür heute mehr Ressourcen, um dem beschriebenen Handlungsbedarf wirksam und koordiniert zu begegnen. Denn Kinder haben ein Recht auf Schutz und können ihre Entwicklung nicht auf später verschieben!

Faktenblatt Kindesschutz downloaden

Fakt ist:

Vorhandene Daten zeigen nur die Spitze des Eisbergs.

Vorhandene Daten zeigen nur die Spitze des Eisbergs.
  • Vorhandene Daten bilden nur die Fälle ab, die mit dem Kindesschutzsystem in Kontakt kommen – es sind viele: So gelangen pro Jahr bis zu 50’000 Kinder neu an Einrichtungen des Kindesschutzes. (6) Unverändert hoch bleibt die jährliche Anzahl Kindesschutzfälle an Schweizer Kinderkliniken. (7)
  • Hoch bleibt auch die Dunkelziffer von Kindern, die Gewalt ausgesetzt sind und deren Leiden unentdeckt bleibt.
  • Knapp 20’000 Straftaten häuslicher Gewaltregistrierte die Kriminalstatistik 2019. (8) Stille Mitbetroffene sind oft Kinder und Jugendliche.
  • Jedes zwanzigste Kind wird zu Hause regelmässig körperlich bestraft; jedes vierte Kind erfährt regelmässig psychische Gewalt.

Kinder und Jugendliche brauchen jetzt Schutz vor Gefahren: off- und online.

Kinder und Jugendliche brauchen jetzt Schutz vor Gefahren: off- und online.
  • Die bei Jugendlichen beliebtesten Social Media Plattformen haben ihre Schweizer Nutzerzahlen in den letzten Jahren vervielfacht (z.B. Instagram von 43% auf 82% seit 2014, TikTok von 6% auf 26% seit 2019). (10)
  • Die Daten zeigen auch: 94% der Jugendlichen sind auf sozialen Netzwerken angemeldet. Schon vor Corona waren Jugendliche im Schnitt unter der Woche täglich 2.5 Stunden online mit dem Handy. (11)
  • Je öfter Kinder und Jugendliche online sind, desto eher kommen sie in Berührung mit gefährdenden Inhalten und Kontakten. (12) Bis zu 40% der 15- bis 16-Jährigen in der Schweiz werden im Netz von fremden Personen mit sexuellen Absichten angesprochen (Cybergrooming). (13)
  • Die Anzeigen von Jugendlichen wegen Sexualstraftaten nehmen zu, online begangene Taten spielen dabei eine immer grössere Rolle.

Corona hinterlässt Spuren. Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche sind gefragter denn je.

Corona hinterlässt Spuren. Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche sind gefragter denn je.
  • Die Plattform ciao.ch verzeichnete während des Lockdowns +25% Anfragen von Kinder und Jugendlichen an Fachpersonen sowie +300% Aktivität im Austauschforum.
  • Beim Beratungsangebot 147 von Pro Juventute stiegen zwischen März und August 2020 z.B. die Anfragen zu «Gewalt in der Familie» gegenüber der Vorjahresperiode um +44% und zu «Konflikte mit Eltern» um +47%.
  • 60% der Anfragen bei der Kinderanwaltschaft Schweiz betrafen letztes Jahr den Kindesschutz.
  • V.a. digitale Kanäle erfahren starken Zuwachs, bei der Chat-Beratung von 147.ch um +172%.

Die Schweiz hat die Pflicht, Kinder besser zu schützen und ihre Rechte zu wahren. Ohne zusätzliches Engagement des Bundes kommt die Schweiz ihrer Verpflichtung nicht nach.

Die Schweiz hat die Pflicht, Kinder besser zu schützen und ihre Rechte zu wahren. Ohne zusätzliches Engagement des Bundes kommt die Schweiz ihrer Verpflichtung nicht nach.
  • Die Empfehlungen des UNO-Kinderrechtsausschusses von 2015, die «List of Issues» im aktuellen Staatsberichtsverfahren zur Kinderrechtskonvention und das zivilgesellschaftliche Monitoring der Kinderrechtssituation in der Schweiz verdeutlichen den Handlungsdruck.
  • Der Bundesrat selbst bestätigte 2018 diverse Lücken: (14) u.a. braucht es die Schulung von Fachpersonen, mehr Gewaltprävention und -schutz, bessere Datenerhebung. Dafür sind nun griffige Massnahmen und mehr Mittel nötig.
  • Fachorganisationen spielen eine zentrale Rolle, um die erwiesenen Lücken beim Kindesschutz und den Kinderrechten zu schliessen und Gewalt an Kindern zu bekämpfen – ohne zusätzliche Ressourcen ist das nicht möglich.
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